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und Hintergrund
KohortenstudienWissenschaftliche
Literatur
Zur Notwendigkeit plura- listischer Evaluationsmodelle

Klinische Studien:

30 randomisierte Studien
18 nicht-randomisierte prospektive Studien
42 retrospektiv vergleichende Studien
40 einarmige Studien

Literaturverzeichnis

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Mistel in der Onkologie - Klinische Studien - Übersicht

Eine Vielzahl klinischer Studien wurde zur Frage der Wirksamkeit von Mistelextrakten in der Behandlung onkologischer Erkrankungen durchgeführt. Zu den anthroposophischen Mistelpräparaten liegen derzeit vor: 30 prospektiv randomisierte klinische Studien, 18 nicht-randomisierte prospektiv vergleichende Studien, und 42 retrospektiv vergleichende Studien, in denen der Krankheitsverlauf unter Mistelbehandlung mit dem unter anderer Behandlung (oder keiner zusätzlichen Behandlung) verglichen wird. Weiterhin gibt es 40 größere Kohortenstudien oder kleine Fallserien, meist zur Frage, wie häufig sich ein Tumor unter spezieller Mistelbehandlung zurückbildet, oder zu gesundheitlichen Gesamtauswirkungen einer Mistelbehandlung (Vorher-Nachher-Vergleich). Alle diese Studienformen haben ihre spezifischen Einsatzmöglichkeiten, Vorteile und Nachteile, Möglichkeiten und Beschränkungen. Alle Studienformen benötigen entsprechende Expertise und Sorgfalt in der Durchführung und können nur innerhalb ihrer Aussagefähigkeit interpretiert werden.

Gegenwärtig besteht ein Trend, nur noch große randomisierte kontrollierte Studien (RCT) zu akzeptieren und demgegenüber andere Studientypen stark abzuwerten. Unter Idealbedingungen sind RCTs zwar perfekt, haben in der klinischen Realität jedoch zahlreiche Limitierungen. Ihre Priorisierung führt zu zahlreichen Verzerrungen in der Gesundheitsversorgung (z.B. durch Kommerz-Bias, Karriere-Bias, Bias der großen Zahl, Mediokritätsbias, Bias durch Therapiepriorität), zu erheblichen Diskrepanzen von Forschung und medizinischem Alltag, zu ethischen Problemen und zu divergenten und asymmetrischen Ergebnissen (siehe Zur Notwendigkeit pluralistischer Evaluationsmodelle). Statt einer Beschränkung auf RCTs ist es daher sinnvoll, eine Informationssynthese aus verschiedenen Evidenztypen zu generieren.[1]

Ein Charakteristikum der Mistelforschung liegt darin, dass die Studien nicht nur von pharmazeutischen Firmen und universitären Einrichtungen durchgeführt werden, sondern in ungewöhnlich hohem Maße auch aus Eigeninitiative praktizierender Ärzte, die den Nutzen dieser Therapie oder spezieller Anwendungen untersuchen und kommunizieren möchten. Dies weist auf ein hohes Maß an Engagement und praxisnahe Forschung hin, jedoch fehlt hierbei oft der methodische und formale Standard, der von großen Forschungseinrichtungen mit entsprechender Infrastruktur und finanzieller Ausstattung bereitgestellt werden kann.

Derzeit liegen 130 klinische Studien (Suchstrategie) vor (zwei weitere Studien wurden aufgrund von Ungereimtheiten ausgeschlossen; Details siehe [4-8]), die den therapeutischen Einfluss anthroposophischer Mistelpräparate (Abnobaviscum®, Helixor, Iscador®, Iscar, Iscucin®, Isorel®) bei Tumorpatienten (Auswahlkriterien) untersuchten hinsichtlich

  • Überleben (34 prospektiv vergleichende Studien, 2 Kohortenstudien , 39 retrospektiv vergleichende Studien),
  • Tumorrückbildungen (4 prospektiv vergleichende Studien, 32 Kohortenstudien , 1 retrospektiv vergleichende Studie),
  • Krankheitsfreies Intervall, Rezidive (11 prospektiv vergleichende Studien, 3 retrospektiv vergleichende Studien),
  • Verminderung von Nebenwirkungen konventioneller Tumortherapien (Chemotherapie, Strahlentherapie, Operation) (10 prospektiv vergleichende Studien, 1 Kohortenstudie , 4 retrospektiv vergleichende Studien),
  • Lebensqualität, krankheitsbedingte Symptome (16 prospektiv vergleichende Studien, 19 Kohortenstudien , 5 retrospektiv vergleichende Studien).
  • Krankenhaustage (2 retrospektiv vergleichende Studien).

Methodisch handelt es sich um

  • 48 prospektiv vergleichende Studien (davon 30 randomisierte Studien),
  • 40 Kohortenstudien /Fallserien im Vorher-Nachher-Design (18 prospektiv, 17 retrospektiv, 5 unklar),
  • 42 retrospektiv vergleichende Studien mit Vergleichsgruppe (davon 5 retrolektiv).

Diese Studien untersuchten die Mistelbehandlung von

  • Gynäkologischen Tumoren (Brustkrebs, Ovarialkrebs, Cervixkarzinom, Cervixdysplasie, diverse genitale Karzinome),
  • Gastrointestinalen Tumoren (Darmkrebs, Leberkrebs, Rektumkrebs, Magenkrebs, Pankreaskrebs, Lebermetastasen),
  • Tumoren der Luftwege (Lungenkrebs, HNO-Tumoren),
  • Hauttumoren (Melanom, anale Kondylome),
  • Hämatologischen Neoplasien (Non-Hodgkin-Lymphome, diverse Lymphome, Plasmozytom, CML, Myelodysplasie),
  • Malignen Exsudate (Aszites, Pleuraerguss, Perikarderguss),
  • Urogenitaltumoren (Nierenkarzinom, Prostatakarzinom, Blasenkarzinom),
  • Hirntumoren,
  • Diversen Tumoren.

Nicht berücksichtigt sind hierbei Studien zur Immunmodulation durch Misteltherapie und zur Verträglichkeit und Sicherheit, die gesondert ausgewertet wurden.

Die Studien wurden einer kritischen Beurteilung ihrer methodischen Qualität unterzogen [2-6]; dies muss bei den unterschiedlichen Studientypen mit unterschiedlichen Qualitätskriterien geschehen, da jeweils verschiedene Aspekte eine unterschiedliche Gewichtung haben. Die methodische Qualität der vorliegenden Studien variiert erheblich. Insbesondere unter den prospektiven Studien (vergleichend und nicht vergleichend) findet sich eine Reihe sorgfältig durchgeführter und ausführlich publizierter Untersuchungen. Die retrospektiv vergleichenden Studien enthielten oft gravierende Mängel, insbesondere war die Vergleichbarkeit meist nicht untersucht worden; nur wenige hatten eine Vergleichbarkeit der wichtigsten prognostischen Faktoren sichergestellt; kürzlich wurden zwei pharmakoepidemiologische retrolektive Studien publiziert, die mit aufwendigen Verfahren die Vergleichbarkeit optimierten und eine deutlich bessere Qualität aufwiesen.

Im Ergebnis zeigen die Studien überwiegend einen Vorteil für die Misteltherapie. Berücksichtigt man die Qualität und potentielle Schwächen der einzelnen Studie, so erscheinen die Verbesserung der Lebensqualität und eine bessere Verträglichkeit konventioneller onkologischer Therapien (Chemotherapie, Strahlentherapie, Operation) am besten belegt. Gut belegt ist, dass durch Injektion von Mistelextrakten Tumorremissionen induziert werden können, was in Übereinstimmung mit der präklinischen Forschung zur Zytotoxizität und zur Anwendung in Tiertumoren steht; solche Tumorremissionen scheinen aber abhängig von der Dosierung und der Applikationsart und bei der üblichen, niedrig dosierten Misteltherapie eher eine Ausnahmen zu sein. Eine Verbesserung der Überlebenszeit unter Misteltherapie ist möglich, sie scheint neben der Dosierung, Wirtsbaum- und Präparatewahl von der Dauer der Misteltherapie abhängig. Dass eine individualisierte Anwendung mit gezielter Wahl und Justierung von Dosierung, Präparaten, Wirtsbaum, Applikationsort und −rhythmus und Hinzunahme weiterer Interventionen zu höherer Wirksamkeit und besseren Ergebnissen führe, wird von Ärzten immer wieder mit plausibler Begründung argumentiert; hierzu fehlt jedoch systematische Forschung; dieses Thema ist naturgemäß durch die übliche Studientypen kaum zu klären. [1]

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung
August 2010

Literaturverzeichnis

[1] Kienle, G. S., Gibt es Gründe für Pluralistische Evaluationsmodelle? Limitationen der Randomisierten Klinischen Studie. Z ärztl Fortbild Qual Gesundh wes 99, 289-294 (2005). Originalartikel zum Download als pdf-Datei

[2] Kienle, G. S., F. Berrino, A. Büssing, E. Portalupi, S. Rosenzweig and H. Kiene, Mistletoe in cancer - a systematic review on controlled clinical trials. Eur J Med Res 8, 109-119 (2003).

[3] Kienle, G. S. and H. Kiene, Die Mistel in der Onkologie - Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York (2003).

[4] Kienle, G. S. and H. Kiene, Complementary Cancer Therapy: A Systematic Review of Prospective Clinical Trials on Anthroposophic Mistletoe Extracts. Eur J Med Res 12, 103-119 (2007). Originalartikel zum Download als pdf-Datei

[5] Kienle, G. S., A. Glockmann, M. Schink and H. Kiene, Viscum album L. extracts in breast and gynaecological cancers: a systematic review of clinical and preclinical research. J Exp Clin Cancer Res 28, 79-112 (2009). Originalartikel zum Download als pdf-Datei

[6] Kienle, G.S. and H. Kiene, Influence of Viscum album L (European Mistletoe) Extracts on Quality of Life in Cancer Patient: A Systematic Review of Controlled Clinical Studies. Integrative Cancer Therapies 9(2) 142-157 (2010).
DOI: 10.1177/1534735410369673 Originalartikel zum Download als pdf-Datei

[7] Kienle, G. S., Kiene, H. and Albonico, H. U. Health Technology Assessment Bericht Anthroposophische Medizin. Erstellt im Rahmen des Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizer Bundesamtes für Sozialversicherung (2005). Download des HTA-Berichts: www.ifaemm.de

[8] Kienle, G. S., H. Kiene and H. U. Albonico, Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 2006.