
42 retrospektiv vergleichende Studien untersuchten den Einfluss einer Misteltherapie auf die Tumorerkrankung (Übersichtstabelle). Bei retrospektiven Studien werden die Daten von Patienten, die bereits eine Misteltherapie erhalten haben, im Nachhinein ausgewertet und mit Patientendaten verglichen, die keine solche Misteltherapie erhalten haben und deren Krankheitsverlauf sich ebenfalls rückblickend ausreichend lange nachverfolgen lässt. Die entscheidenden Probleme solcher Studientypen betreffen die oft mangelnde Vollständigkeit der Daten und die Vergleichbarkeit der Patientengruppen, deren Beurteilbarkeit u.a. von der Verfügbarkeit der Daten und von der jeweiligen Quelle der beiden zu vergleichenden Patientendaten abhängt.
Bei den vorliegenden 42 retrospektiv vergleichenden Studien stammen die Daten der Mistelpatienten meist aus anthroposophisch behandelnden Einrichtungen oder aus anderen akademischen Krankenhäusern, onkologischen Fachkliniken, Ambulanzen und Praxen, die ebenfalls eine Misteltherapie durchführen; die Daten der Kontrollpatienten stammen entweder aus der jeweils selben Institution oder aus anderen Institutionen, aus der Literatur oder aus Krebsregistern.
In diesen Studien wurden 7571 Patienten mit Mistelextrakten behandelt (die Größe der Kontrollgruppen variiert erheblich); die durchschnittliche Anzahl Mistel-behandelter Patienten pro Studie liegt bei 180,3 (5 – 867 Patienten).
In den meisten Studien wurde die prognostische Vergleichbarkeit von Prüf- und Kontrollgruppe nicht oder nur unzureichend analysiert (siehe [23]); die prognostische Neutralität der Patientenzuteilung ist oft unklar. Die Folge ist, dass die Validität der meisten dieser Studien von vornherein drastisch eingeschränkt ist.
13 der 42 retrospektiven Studien hatten ein besseres Design mit Bemühung um Bias-Ausschluss: Die fünf besten Studien sind aufwendig durchgeführte retrolektive pharmakoepidemiologische GEP-konforme Kohortenstudien, die mittels detaillierter Datenerhebung und statistischer Verfahren eventuelle Unterschiede der Vergleichsgruppen ausgeglichen haben (sogenannte multivariate Analyse). In den übrigen Studien wurde entweder die prognostische Vergleichbarkeit von Prüf- und Kontrollgruppe eingehend analysiert und ein prognostischer Nachteil der Mistelgruppe gegenüber der Kontrollgruppe festgestellt (Penalty-Design); oder es wurden Unterschiede mittels statistischer Verfahren (Regressionsanalyse und CART Analyse) herausgerechnet; oder es wurde jeder einzelne behandelte Fall sorgfältig mit den bekannten durchschnittlichen Überlebenszeiten verglichen; oder es handelte sich um eine relativ sorgfältig durchgeführte Matched-Pair Studie.

Untersucht wurde in diesen retrospektiv vergleichenden Studien die Misteltherapie in der Behandlung von: Brustkrebs (n = 9), Kolon- und Rektumkarzinom (n = 8), Magenkarzinom (n=2), Pankreaskarzinom (n = 4), Leberzellkarzinom (n = 1), Lebermetastasen (n = 4), Melanom (n = 5), Ovarialkarzinom (n = 2), Blasenkarzinom (n = 2), Lungenkarzinomv (n = 1), hämatologische Neoplasien (n = 3), diverse Karzinome (n = 1).

Untersucht wurden meist Überlebenszeit, vereinzelt auch tumorfreies Überleben, Hirnmetastasen-freies Überleben, Nebenwirkungen konventioneller Therapien, Krankheitssymptome, Analgetika- und Psychopharmakaverbrauch, Krankenhaustage.

Eingesetzt wurde in 30 Studien Iscador®, in 9 Studien Helixor, in 2 Studien Abnobaviscum®, in 2 Studien diverse Mistelpräparate; in 4 Studien standen diesbezüglich keine klaren Angaben.

Von den insgesamt 42 retrospektiv vergleichenden Studien zeigen 39 einen Vorteil für die Misteltherapie, meist in Bezug auf Überlebenszeit, zweimal in Bezug auf Tumor-freies und Hirnmetastasen-freies Überleben [2, 11], viermal in Bezug auf Nebenwirkungen konventioneller Therapien und Tumor-bedingter Symptome [2a, 3, 11, 31], zweimal in Bezug auf einen verbesserten Allgemeinzustand (Karnofsky Index) [11, 13], zweimal in Bezug auf verminderte Krankenhaustage [11, 31], einmal in Bezug auf Tumorremissionen [33], und einmal in Bezug auf Analgetika- und Psychopharmakaverbrauch. Viermal zeigte sich kein Vorteil der Mistelbehandlung. Von den 13 Studien mit Kompensation der Bias-Möglichkeiten zeigten 12 einen Vorteil für die Mistelbehandlung. Die beste Studie aus dieser Kategorie, die Studie von Augustin et al. 2005 zum Melanom, zeigt unter Misteltherapie eine signifikante Verbesserung des tumorspezifischen Überlebens, der gesamten Überlebenszeit, des tumorfreien Überlebens und insbesondere auch des Hirnmetastasen-freien Intervalls (zu Details siehe Augustin et al. 2005).
Die Ergebnisse der Studien sind in der Übersichtstabelle zusammengefasst. Die beiden wichtigsten, aktuellsten und am aufwendigsten durchgeführten Studien, die retrolektive pharmakoepidemiologische GEP-konforme Kohortenstudien von Augustin et al. 2005 und Bock et al. 2004, sind im Detail beschrieben. Drei weitere retrolektive pharmakoepidemiologische Studien zum Brustkrebs, kolorektalen Karzinom und Pankreaskarzinom wurden kürzlich publiziert [2a, 11, 31]; zwei von ihnen sind derzeit nur als Kurzversionen verfügbar, ihre endgültige Publikation ist abzuwarten. Für Einzelheiten zu den übrigen Studien und zu der methodischen Beurteilung sei auf weitere publizierte Literatur [23-25] verwiesen.

Es liegt eine beträchtliche Anzahl von retrospektiv vergleichenden Studien vor. Sie zeigen überwiegend ein positives Ergebnis für die Misteltherapie und, aufgrund verminderter Krankenhaustage [11, 31], einen möglichen ökonomischen Benefit. Leider ist ihre Aussage in aller Regel sehr begrenzt, da die Vergleichbarkeit zwischen den Vergleichsgruppen im Nachhinein schwierig herzustellen ist. Dennoch wird man für verschiedene Fragestellungen immer wieder auf retrospektiv vergleichende Studien zurückgreifen müssen (wie dies auch sonst in der Medizin geschieht). Vier der 42 Studien haben ein aufwendiges Verfahren und eine moderne Methodologie zur Optimierung der Datenqualität und zur Vermeidung von Verzerrungen (Bias). Davon ist insbesondere die Studie von Augustin et al. 2005 gut durchgeführt und gibt einen wichtigen Beitrag zur Frage von Tumorrezidiven, Metastasierung und Überlebenszeit unter Misteltherapie beim Melanom.

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung:
Mai 2010
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