
Zu Mistelextrakten gibt es systematische und umfassende Übersichtsarbeiten zu Verträglichkeit, Nebenwirkungen und Überempfindlichkeitsreaktionen wie auch zu Toxizitätsuntersuchungen und zur Diskussion um ein potentielles Tumorenhancement [20a-23]. Weitere systematische Übersichten betreffen Fallberichte zu Überempfindlichkeitsreaktionen [44, 45] und Toxikologie [43]. Eine jüngere Publikation stellte verschiedene Meldungen unerwünschter Wirkungen zusammen [40].
Insgesamt erweist sich die Misteltherapie als gut verträglich; häufig sind lokale Reaktionen an der Einstichstelle (Rötung, Schwellung, Juckreiz, Schmerz) und gelegentlich treten grippeähnliche Symptome auf. Sie zeigen sich im Allgemeinen nur zu Beginn der Behandlung oder nach Dosissteigerung, sind dosisabhängig und klingen in der Regel schnell und spontan wieder ab. Gelegentlich kann es zu Überempfindlichkeitsreaktionen kommen, es kann auch die Immunantwort auf andere Stoffe (auch immunologische Überempfindlichkeitsreaktionen) durch Mistelinjektionen gesteigert werden. Im Einzelnen:

Alle vorliegenden prospektiven und retrospektiven klinischen Studien (mit und ohne Vergleichsgruppe, zu onkologischen und zu nicht-onkologischen Indikationen) sowie alle speziellen Verträglichkeitsstudien wurden systematisch nach Angaben zu Nebenwirkungen durchgesehen. Kasuistiken wurden dabei nur berücksichtigt, wenn sie für die Beurteilung der Nebenwirkungen von besonderer Relevanz waren. Die Studien betrafen meist die subkutane Anwendung von Mistelextrakten, aber auch die intravenöse und per infusionem gegebene, die intraarterielle, intratumorale, peritumorale, intrapleurale, intraperitoneale und intraperikardiale Applikation, ebenso auch die Behandlung während der Schwangerschaft. Die Anzahl der in diesen Studien dokumentierten Patienten liegt weit über 10.000, was vielen Millionen Mistelextraktinjektionen entspricht. Zu Details sei auf die betreffenden Übersichten verwiesen [21-23]. Zusammengefasst ergibt sich folgendes:
Zu Sicherheit und Toxizität von Mistelextrakten (Helixor) und möglichen Interaktionen mit Standardchemotherapeutika (Gemcitabin) bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren wird derzeit eine detaillierte Phase-I-Studie am National Center for Complementary and Alternative Medicine (National Institute of Health) in USA durchgeführt [34]. Eine erste Zwischenauswertung fand gute Verträglichkeit und keine dosislimitierende Toxizität des Mistelextrakts sowie keine Beeinflussung der Plasmakonzentration von Gemcitabin [35].


Eine weitere Übersicht zu unerwünschten Ereignissen (UEs), die im zeitlichen Kontext mit der Misteltherapie auftraten, wurde kürzlich publiziert [40]. Hierfür wurden von 138 klinischen Studien nach nicht näher bezeichneten Kriterien 25 Studien ausgewählt, von denen 13 (prospektiv vergleichende Studien) Angaben zu UEs machten; zudem wurden 14 anderweitig ausgewählte Studien unterschiedlichen Designs zusammengefasst, die ebenfalls Angaben zu UEs enthielten. (Alle diese Studien sind in den hier vorangegangenen Abschnitten bereits berücksichtigt.) Weiterhin wurden Fallberichte mit UEs zusammengestellt, die entweder ebenfalls in den o.g. Fallberichten enthalten sind oder lokale und systemischen Reaktionen oder immunologische Veränderungen (z. B. Eosinophilie) beschrieben. Ferner wurden Arzneimittelbehörden angeschrieben; 3 dieser Behörden hatten Meldungen zu UEs vorliegen. Da bei diesen UEs jedoch der kausale Zusammenhang mit der Misteltherapie nicht untersucht war, ist eine Abgrenzung gegenüber möglichen Folgen anderer Therapien und gegenüber Komplikationen oder Beschwerden der Grunderkrankung oder sonstigen Einflüssen nicht möglich und deshalb die Meldeliste nicht wirklich verwendbar.
Übersichten zur Toxikologie siehe [21, 43].

In verschiedenen toxikologischen Publikationen wird die auffallende Diskrepanz thematisiert zwischen dem volkstümlichen Image der Mistel als einer gefährlichen Giftpflanze („kiss of death“) und der geringen Zahl diesbezüglicher empirischer Hinweise beziehungsweise einer das sogar Gegenteilige nahelegenden Empirie [25]. Die Unglücks-Fama geht vielleicht zurück auf die nordische Mythologie in welcher der Mistelpfeil den Gott Baldur tötet. Auch in der modernen Literatur finden sich zahlreiche „Schauermärchen“ zu den Gefahren der Misteleinnahme, die aber, wegen fehlender oder fehlinterpretierter Daten, hier nicht aufgelistet oder analysiert werden sollen. Exemplarisch sei ein Editorial [9] zur Misteltherapie im European Journal of Cancer zitiert: „Contrary to what proponents want us to believe, there are several reports of adverse side-effects and serious complications after mistletoe therapy“; dazu wird eine Liste von 26 Nebenwirkungen und Komplikationen der Misteltherapie genannt, die nicht nur die bekannten Effekte der Immunmodulation wie Lokalreaktionen, mildes Fieber und leichten Leukozytenanstieg oder bekannte Effekte wie Hypotonie oder allergische Reaktionen anführt, sondern auch eine Serie von schwerwiegenden Effekten wie Herzstillstand, Koma, Tod, Delirium, Halluzinationen, Hepatitis, Pankreasblutung, Krampfanfall, Durchfall, Gastroenteritis, Dehydrierung, etc. [9] Verfolgt man die zu dieser Liste angegebenen Literaturstellen zurück bis zur Originalliteratur, so findet man:
Zu Einzelheiten siehe [20].
Die genannten dramatischen Effekte bezogen sich also auf Toxizitätsuntersuchungen an Tieren und auf Effekte anderer Substanzen als Mistelextrakten; es gab keine empirische Basis mit Bezug auf onkologische Mistelbehandlung. Kürzlich wurden von demselben Autoren wiederum ähnliche Aussagen gemacht [9a], denen jedoch ebenfalls keine substantiellen Beobachtungen zugrunde liegen [21a].

In den letzten Jahren wurde immer wieder ein potentielles Tumorenhancement durch Mistelextrakte diskutiert. Die Quellen sind folgende:
Insgesamt gibt es bislang keinen stichhaltigen Beleg für ein Tumorenhancement. (Details zur empirischen Datenlage siehe [20a].)

Insgesamt weisen die Untersuchungen auf eine sehr gute Verträglichkeit der Misteltherapie. Harmlose Lokalreaktionen sind häufig, und gelegentlich treten grippeähnliche Symptome auf, beides ist dosisabhängig; gelegentlich kann es auch zu Überempfindlichkeitsreaktionen kommen und es können Überempfindlichkeitsreaktionen auf andere Stoffe gesteigert werden. Nebenwirkungen sind insbesondere bei Steigerung der Dosierung über die individuelle Verträglichkeit hinaus zu erwarten. Die über die normale subkutane Injektion hinausgehende hochdosierte oder intravenöse, intrapleurale, intraperitoneale, intraperikardiale, intratumorale, intraarterielle Applikation sollte dem Spezialisten vorbehalten sein; unter diesem Vorbehalt können auch diese Applikationsformen als sicher gelten. Ein stichhaltiger Hinweis auf ein Tumorenhancement durch die Misteltherapie konnte bislang nicht gefunden werden.
Die Untersuchungen zu Unbedenklichkeit und Risiken sind großteils systematisch und transparent beschrieben, mit mehr oder weniger vollständiger Information; einige der Berichte zu Nebenwirkungen sind jedoch verbunden mit Polemik und erschweren dadurch das Unterscheiden von empirischen Beobachtungen und persönlichen Meinungen.
Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung:
März 2009
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